Mit der Lizenz zum Löschen

| Fr, 05. Jan. 2018

Der Mann kann fluchen wie ein Rohrspatz und Fragen beantworten, die ihm keiner gestellt hat. Jürg Wirthlin, 57, Möhliner Dorf-Ikone des Feuers, und die Szenen einer Ehe. Annäherung an einen Abtretenden: Schueni, Möhlins langjähriger Feuerwehrkommandant.

Von Ronny Wittenwiler

Das Gespräch mit ihm ist noch keine Minute alt, schon gerät es ausser Kontrolle. Jürg Wirthlin redet sich in Ekstase und der Verdacht bestätigt sich: Diesen Mann nur einen Moment lang an der kurzen Leine zu halten – es ist, als wollte man einen wilden Mustang zähmen.

Hartschalig
Der 31. Dezember 2017 war sein letzter Tag als Kommandant der Feuerwehr Möhlin. Nach fünfzehn Jahren. Ein bisschen verabschiedet hat sich Jürg Wirthlin bereits bei seiner letzten Schlussprobe am 20. Oktober (die NFZ berichtete). Hoch oben in einer Autodrehleiter, hinter ihm die dunkle Nacht, übergab er an seinen designierten Nachfolger. Vielleicht war es ein taktisches Manöver: Dort oben würde niemand bemerken, drohte er Emotionen zu zeigen, die an seiner Schale doch eigentlich abprallen sollten. Denn so ist er nun mal, dieser Wirthlin. Jürg Wirthlin. Mit der Lizenz zum Löschen. Nach zwanzig Minuten Gespräch ist die Ausbeute folgende: Wir wissen alles über seine Mannen und Frauen in der Feuerwehr Möhlin, «hier hilft jeder dem anderen, es geht um den Zusammenhalt.» Ungefragt stellt Wirthlin immer und immer wieder das Kollektiv in den Vordergrund, bloss – über sich selber reden, das ist nicht sein Ding. Dabei hätte er einiges vorzuweisen, der Schueni, wie er von allen gerufen wird, längst schon gilt er als eine Art Möhliner Dorf-Ikone des Feuers. Als einen «Einzigartigen» würdigte ihn Richard Urich, der nun seine Nachfolge als Kommandant angetreten hat.

Frei Schnauze
Es war 1979. Mit neunzehn Jahren tritt Jürg Wirthlin in die Feuerwehr Möhlin ein. Das schien aber auch höchste Zeit, denn schon als Knirps hatte klein Schueni Lunte gerochen. «Mein Vater war in der Feuerwehr. Als jeweils der Alarm einging, bin ich sofort mit dem Velo losgefahren. Darum war ich manchmal noch vor der Feuerwehr am Einsatzort.» Geändert hat sich seither nicht wahnsinnig viel. «Meine Kleider liegen neben dem Näscht. Da springst du rein und eine Minute später bist du abfahrbereit.» Schueni schläft im Näscht. Verbrennt sich am Grind. Und hält sich einen Lumpen vor d’Schnuure. So klingt er nun mal. Frei Schnauze. Seit Jahr und Tag. Für zwei Dinge scheint er durchs Feuer zu gehen: Für seine Kameraden und für die eigene Freiheit, so zu sein, wie er nun mal ist.

1986 wird er Materialwart, zuerst im Stundenlohn. Dann mit einem Pensum von fünfzig Prozent. Seit 2002 ist er in der Gemeinde Möhlin zu hundert Prozent als Materialwart angestellt. Verantwortlich für die Bestellung, für den Unterhalt. Verantwortlich für sogenannte Störfallobjekte, für Einsatz- und Fluchtwegpläne. Gerade will er von seiner Arbeit erzählen, schon klingelt wieder sein Telefon. «Was isch…? Jo, in ere Stund chumi. Messi. Moin.» Zack. Peng. Vorbei. Dreimal in fünfzig Minuten werden wir unterbrochen. Und keiner flucht in solchen Momenten leidenschaftlicher als er. Der Mustang mit Schnauz ist ein Brummbär, doch wehe, er wird im richtigen Moment gekitzelt: Dann blitzt es eben doch auf – dieses spitzbübische Lächeln. In der Regel braucht es zwei Dutzend Anläufe, um ein solches mit der Kamera festhalten zu können. Dann zeigt dieser demonstrativ hartschalige Kerl Anzeichen einer inneren Kernschmelze.

«Ich habe zuerst nein gesagt»
Dass er einst Kommandant werden würde, war so nicht vorgesehen. «Ich habe zuerst nein gesagt.» Ein Jahr nach der ersten Anfrage war es dann soweit. Rückblickend musste es ja so kommen. Er atmet sie. Er lebt sie. Er liebt sie. Das sind Szenen einer Ehe. Seit 39 Jahren ist Wirthlin mit der Feuerwehr verheiratet.

Bis zum heutigen Tag absolvierte er 2078 Proben, stand 1551 Mal im Einsatz, nahm an knapp 90 Kursen teil, bei deren 24 war er als Klassenlehrer, Hilfsperson, Materialverwalter oder Kursadjutant zugegen. 1985 Beförderung zum Korporal. 1989 Offizier. 1995 Oberleutnant. 2000 Vizekommandant. 2003 Beförderung zum Hauptmann/Kommandant. Noch Fragen? Okay, wir hätten da noch ein paar.

*

NFZ: Nervt sich Ihre Frau bereits, dass Sie nun öfters zuhause sind?
Jürg Wirthlin: (Verdreht die Augen) Das bin ich ja gar nicht.

Warum nicht?
Weil ich Materialwart bleibe und die Feuerwehrproben besuchen muss.

Wieder klingelt das Telefon. Nach fünfzehn, zwanzig Sekunden, und einem «Messi, Moin!» zum Schluss geht es weiter.

Sie sind ja verheiratet. Wie lange genau?
Drei Jahre.

Ist Ihnen langweilig?
Nein, wieso?

Sie brummeln beim Antworten.
Das sind auch komische Fragen.

Helfen Sie zuhause im Haushalt?
Nein. Wann will ich das noch machen?

Jetzt hätten Sie ja mehr Zeit.
Nein, eben nicht. Habe ich doch gerade gesagt. Es gibt noch genug zu tun.

Wird Ihnen das Amt als Kommandant fehlen?
(Winkt ab) Sicher nicht.

Warum nicht?
Weil Verantwortung wegfällt. Bist du mal weg, in den Ferien, und der Alarm geht los, machst du dir immer Gedanken, ob alles gut geht.

Diese Gedanken müssen Sie sich nicht mehr machen?
Natürlich ist eine Verantwortung als Feuerwehrmann immer da. Ich will ja nicht, dass die Hütte runterbrennt. Aber ich muss nicht mehr Entscheidungen an vorderster Front treffen.

Gab es Momente, in denen Sie Angst hatten?
Hektik und Adrenalin gehören dazu. Angst hast du nicht.

In Ihrer Zeit als Kommandant, haben Sie mal Fehler im Einsatz gemacht?
Diskutieren darüber kann man immer. Der einzig grosse Fehler wäre, keine Entscheidungen zu treffen.

Sind Sie ein Dorf-Original?
Nein. Vielleicht.

Oft machen Sie ein ernstes Gesicht. Sind Sie ein humorvoller Mensch?
(Verdreht schon wieder die Augen) Was heisst schon humorvoll.

Keine Ahnung.
Jeder ist humorvoll auf seine Art. Ich auch. Aber manchmal bin ich skeptisch, hinterfrage Dinge. Ich glaube nicht immer alles, was gesagt wird. Und ich passe auch nicht jedem. Das ist klar.

Haben Sie sich schon mal verbrannt?
Bei einer Atemschutzübung habe ich mir mal den Grind mit Dampf verbrannt. Und einmal hatte ich eine Rauchvergiftung. Ich nahm einen Lumpen vor d‘Schnuure und ging ins Haus. Das war mein grösster Fehler. Niemals ohne Atemschutzmaske! Das ist über zwanzig Jahre her.

Wann haben Sie sich das letzte Mal die Finger verbrannt.
Erst kürzlich. Habe den Auspuff vom Töff geschweisst.

*

Jetzt also doch. Sein Schnauz legt sich in die Horizontale. Wirthlin lacht. Es ist der herrliche Schlusspunkt einer Annäherung an den Abtretenden. Doch wird Schueni wohl weiterhin den Teufel tun, um zuzugeben: dass ihn bei seiner letzten Schlussprobe hoch oben im Nachthimmel, unsichtbar für alle, vielleicht doch ein paar Emotionen überkamen.


Jürg Wirthlin wird weiterhin das Amt als Materialwart der Gemeinde Möhlin innehaben und somit auch für den Unterhalt des Maschinen- und Fahrzeugparks der Feuerwehr Möhlin verantwortlich bleiben.

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