Die Rückeroberung des Möhliner Felds

| Do, 12. Okt. 2017

Verdrängt, vom Aussterben bedroht, verloren. Naturschützer bangen um die Tier- und Pflanzenwelt im Möhliner Feld. Doch aufstecken kommt nicht infrage.

Von Ronny Wittenwiler

Es gibt Gefühle. Und es gibt Zahlen. Und bei gewissen Zahlen beschleicht Markus Kasper ein besonders schlechtes Gefühl. Dann, wenn es der Natur ans Lebendige geht. Kasper ist Co-Präsident vom Natur- und Vogelschutz Möhlin, ruhig in der Art, besonnen, keiner, der das Klischee des klassischen Ökoterroristen bedient. Dennoch führt er mit seinen Kolleginnen und Kollegen einen Kampf; einen, den er kämpft für ein besseres Leben. Ein besseres Leben für Fauna und Flora. Schauplatz ist das Möhliner Feld – oder «Meler Feld», wie die Einheimischen sagen – im Kanton eines der letzten grossen Flächen mit nicht überbautem Kulturland. Hier leben noch ein paar wenige Feldlerchen, hier sind Steinkauz weggestorben, vor noch längerer Zeit das Rebhuhn, und hier verdienen Bauern ihren Lebensunterhalt. «Die Bauern», sagt Markus Kasper, «die Bauern sind für uns vom Natur- und Vogelschutz die wichtigste Spezies überhaupt im Möhliner Feld».

Die Alarmglocken schrillen
Der Natur- und Vogelschutz hat der NFZ ein paar Bilder für diesen Artikel zugespielt. Fantastische Bilder. Die Nahaufnahme eines Steinkauzes. Eine Feldlerche im Flug. Bilder, die sich von der Realität im Fricktal verabschiedet haben oder zu verschwinden drohen. Ganz zu schweigen von den verschiedenen Insekten, Pflanzenarten und Ackerkräutern. «Das Möhliner Feld ist schwer unter Druck», sagt Kasper, spricht vom Einbruch der Artenvielfalt, in aller Munde auch als sogenannte Biodiversität. Jetzt kommen die Zahlen ins Spiel. «1990 zählten wir im Möhliner Feld noch dreissig Feldlerchen-Brutpaare. Im 2015 waren es noch deren fünf.» Den Steinkauz gibt es nicht mehr. Wiedehopf? Hat es mal gegeben. «Jetzt nur noch auf Durchzug.» Beim Natur- und Vogelschutz Möhlin schrillen die Alarmglocken. Ausdruck dafür ist das neue Vereinsprojekt, und allein dieses klingt schon wie ein Alarmsignal: «BiM!» – Biodiversität im Meler Feld. Spätestens hier rücken die Landwirte in den Fokus. Mit ihnen haben sich die Naturschützer vor zwei Wochen an einen Tisch gesetzt, ihnen ihr Projekt vorgestellt.

Zubrot für die Bauern
Klar, das Etikett des Ökospinners werde man wohl nie gänzlich los, sagt Kasper gelassen auf eine entsprechende Frage. «Aber die Akzeptanz in der Gesellschaft für Naturschutz ist doch sehr stark gewachsen. Vor allem auch dank Anstrengungen seitens Bund und Kanton.» Im Aargau heisst das Zauberwort «Labiola»; eine Abkürzung für «Landwirtschaft – Biodiversität – Landschaft». Das Labiola-Programm fördert Leistungen in den Bereichen Biodiversität und Landschaft. Der Kanton schliesst dazu mit den Landwirten auf freiwilliger Basis Bewirtschaftungsverträge ab. Pflege- und Aufwertungsmassnahmen auf Wiesen und Feldern zugunsten der Biodiversität  können sich die Bauern so finanziell abgelten (oder halt: entschädigen) lassen. Der Natur- und Vogelschutz Möhlin legt nun, wenn man so will, noch einen Batzen drauf.
«Je nach Massnahme offerieren wir den Landwirten zusätzliche Fördergelder nebst den Subventionen von Bund und Kanton», sagt Kasper und liefert damit das Erklärstück, weshalb die Bauern im Meler Feld eine derart unverzichtbare Spezies darstellen. «Die Bauern sind unser wichtigster Partner für Erhalt und Förderung der Biodiversität im Kulturland.» Ein Geheimnis ist es nicht: Das Verhältnis zwischen intensivem Naturschutz und ebenso extensiver Landwirtschaft gleicht manchmal einer regelrechten Zerreissprobe. Massenproduktion. Preisdruck. Kasper ist zu lange an vorderster Front, um solches nicht zu wissen, und doch durfte er sich positiv überraschen lassen. Über ein Dutzend Landwirte vom Meler Feld waren gekommen ins Warteck, als der Natur- und Vogelschutz das «BiM»-Projekt vorgestellt hatte. Vornehmlich solche, die bereits beim Labiola-Programm mitmachen. Im Anschluss gab es Pizza und Bier für die Bauern, bald aber werden die Möhliner Naturschützer noch tiefer in die Tasche greifen (dürfen). Einmalige Beträge von bis über 7000 Franken stellt der Verein mit seinem Projekt den jeweiligen Landwirten in Aussicht – für entsprechende Fördermassnahmen zur Biodiversität über einen Zeitraum von acht Jahren. Oder anderes formuliert: Bauern, die am Naturschutzprojekt teilnehmen, können sich durchschnittlich rund zehn Prozent zu den bisherigen Abgeltungen aus dem kantonalen Labiola-Programm dazu verdienen.

«Wir haben bereits Unterstützung für unser Projekt Biodiversität im Meler Feld bekommen», sagt Kasper und liefert so mit einem Lachen das Dementi auf eine Frage, die sich aufdrängt. «Nein. Ich denke nicht, dass wir plötzlich verlumpen, wenn die Bauern zu unserer Freude plötzlich alle mitmachen. Für Engagement im Sinne der Natur lassen sich immer wieder Gelder finden.»

«Das kommt schleichend»
Sowieso, erst noch wird sich zeigen müssen, ob das Bestreben der Naturschützer auch bei den Bauern auf fruchtbaren Boden stösst. Für die Mitglieder um Markus Kasper derweil ist klar: Das Möhliner Feld, dieser wertvolle Boden, ist arg unter Druck und damit auch die Biodiversität, die dort ohnehin längst nicht mehr so existiert, wie sie es einmal tat. «Das Schlimme daran ist, dass der weltweite Einbruch der Biodiversität schleichend kommt und man ihn deshalb nicht sofort wahrnimmt», sagt Kasper. Und doch hat sich vielleicht zunehmend im Bewusstsein festgesetzt, was einmal sein würde, wenn sie weg sind: all die wichtigen Glieder einer natürlichen Kette. Zum Beispiel die Bienen, die schliesslich dafür sorgen, dass Bäume Früchte tragen; all die Pflanzen, die für Bienen und andere Insekten Nahrung bieten und so ein Teil der Kette sind. «Für all diese Glieder in der Kette müssen wir vorab die Landschaft, diesen Lebensraum, schützen und aufwerten», sagt Kasper. Es ist diese Sehnsucht des Naturschützers nach einem besseren Leben. Für Flora und Fauna. Auch weil das Leben des Menschen daran hängt.


Fünf Schirmarten für mehr Biodiversität
Das Projekt «Biodiversität im Meler Feld» vom Natur- und Vogelschutz sieht verschiedene Fördermassnahmen vor. Eine davon ist das Anlegen sogenannter Buntbrachen, also Abschnitte, auf denen über einen mehrjährigen Zeitraum keine Bewirtschaftung stattfindet und die so den Tieren als Rückzugsort und Futterquelle dienen (unter anderem für die Feldlerche). Auch soll so ein Blüten- beziehungsweise Nahrungsangebot für Bienen und andere Insekten geschaffen werden. So genannte mehrjährige Blühstreifen sind eine weitere Fördermassnahme, ebenso die «Strukturierte Dauerweide» – diese soll insbesondere dem Steinkauz als Lebensraum dienen. «Weiden aufwerten mit Asthaufen und Steinhaufen», sagt Kasper. «Fehlende Strukturen in den Weiden und somit mangelnde Versteckmöglichkeiten liessen den Steinkauz vom Möhliner Feld wegziehen. Das wollen wir ändern.» Insgesamt verfolgt der Natur- und Vogelschutz mit seinem Projekt den Erhalt beziehungsweise die Wiederansiedlung von fünf sogenannten Schirmarten: Feldlerche, Steinkauz, Kreuzkröte, Wildbiene und Kornrade (eine Ackerpflanze). «Schaffen wir es, zusammen mit den Bauern den Lebensraum für diese fünf Arten zu erhalten und fördern, so werden automatisch weitere Tier- und Pflanzenarten profitieren.» (rw)

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